Weniger ist mehr. Schwer vorstellbar in unserer Zeit. Mehr, mehr, mehr! Schneller, schneller, schneller! Und vor allem. Du musst… du musst dieses, du musst jenes. Ach ja, was muss ich denn alles? Schneller sein, erfolgreicher sein. Stehenbleiben ist Stillstand. Du willst doch nicht abgehängt werden. Doch, vielleicht will ich genau das, abgehängt werden. Mein eigenes Tempo finden. Wie beneide ich manchmal kleine Kinder, die einfach unvermittelt mitten auf dem Gehweg stehen bleiben und ganz aufmerksam beobachten, wie ein Käfer von links nach rechts krabbelt. Alles um sie herum ist unwichtig in dem Moment. Sie schauen einfach und staunen.
Ich vermisse die früheren Zeiten, wo wir noch keine Handys hatten. Man verabredete sich schnell per Telefon und dann war man zum vereinbarten Zeitpunkt am Bolzplatz. Mein Gott, dann kam man halt mal 5 Minuten später, aber man konnte sich darauf vertrauen, dass der andere kam und musste sich nicht alle 30 Sekunden per WhatsApp rückversichern. Und wenn man dann endlich auf dem Bolzplatz war, hat man nur eine Sache gemacht, gebolzt. Gebolzt bis man nicht mehr konnte oder man sich langsam auf dem Heimweg machen musste.
Ich lebte zwar vergleichsweise nur kurz auf dem Dorf, in etwa 2 Jahre. Ich erinnere mich aber daran, wie wir teils kilometerweit weg von zu Hause über Felder und Wiesen liefen und es hat keinen interessiert. Wir lebten den Moment – ohne Ablenkung. Wir fanden immer unseren Weg zurück nach Hause – ohne Handys. Wenn ich heute aus dem Fenster schaue und die Kinder auf dem Weg zur Schule beobachte. Welches hat seinen Kopf nicht bleischwer gesenkt und den Blick auf sein Handy geheftet? Es geht nicht nur den Kindern so, es geht vielen von uns genauso. Ein schneller Dopaminkick, wo es nur geht. Und dem möchte ich in meinem Sessions entgegenwirken. Ganz nach dem Prinzip, weniger ist mehr.
Ich habe es sicher bereits einmal in einem meiner vorangegangenen Blogs angesprochen (s.u.), wie auch ich mich damals unter Druck gesetzt hatte, meinem Gast besonders viel bieten zu müssen. Das passierte aber weniger aus dem Motiv heraus, möglichst viel bieten zu müssen in einer Stunde, vielmehr aus der Unsicherheit heraus, es „ertragen“ zu müssen, wenn wenig passiert, aber mehr wirkt. Ich stelle mir dazu gerade parallel Klangschalen vor. Wenn man einen Ton spielt und dann abwartet, kann dieser eine Ton sehr lange Zeit nachhallen. Haut man das Stöckchen aber mehrere hintereinander gegen die Klangschale und lässt mehrere Töne direkt hintereinander erklingen, kann man den einzelnen Ton nicht nachhallen hören. Es klingt abgehackt und es überfordert.
Ich tue mich selbst manchmal schwer lange Musikstücke zu genießen, vielmehr möchte ich schnell zu dem Kern des Songs. Ich meine, ich kann das Stück ja immer und immer wieder hören, trotzdem habe ich irgendwie das Gefühl etwas zu verpassen, wenn ich nicht schnell zu meiner Lieblingsstelle vorspule. Ich bin da teilweise einfach (noch) zu ungeduldig.
Nun habe ich mich in den Jahren in meinen Sessions entwickelt und inzwischen kann ich sehr tief eintauchen in den Moment. Und mich würde es sehr freuen, wenn du zusammen mit mir tief eintauchst in das Hier und Jetzt. Ein Element unserer gemeinsamen Zeit ganz intensiv wahrnehmen. Warum die Zeit oft bei mir so langsam und wiederum doch so schnell vergeht? Weil du in dem Moment angekommen bist.
Wenn ich dich also minutenlang schweigsam in dem gleichen Griff festhalte, dann halte ich es nicht mehr aus, sondern ich genieße es inzwischen. Und ich freue mich sehr, dass es viele Gäste gibt, die es genauso genießen. Die genau das suchen, wenn nicht sogar mehr. Ja, mehr vom Weniger. Das Weniger ist nicht beschränkt auf ruhige Elemente. Es kann genauso gut ein langes Spanking sein, langsam und ausgiebig. Jeden Ton, jeden Schlag, einzeln spürend. Und du glaubst gar nicht, was alles mehr geht, wenn man es langsam und mit Gefühl macht. Eine Stunde langsam, intensives Spanking geht tiefer unter die Haut, als mal eben schnell 5 Minuten eiskaltes draufschlagen. Der langsame Schmerz erreicht so viel mehr Ebenen in deinem Körper und auch im Geist, als der schnelle knackige Schmerz. Dein Körper bzw. deine Sinne haben Zeit, sich darauf einzulassen. Außerdem kann es lange über unsere gemeinsame Zeit hinaus nachwirken. Weniger ist mehr!
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